Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die mir mein Großvater erzählt hat. Es ist eine sehr seltsame Geschichte, und sie handelt von einem Baum. Dieser Baum steht in unserem Tal neben einem verlassenen Haus, das schon damals ziemlich zerfallen war, als ich mit Großvater dort Pause machte. Wir waren auf einem Spaziergang entlang eines fast völlig überwucherten Weges gewesen und ich hatte plötzlich einen furchtbaren Schreck bekommen. Durch die Bäume schimmerte ein bleiches Skelett. Mit meinen neun Jahren klammerte ich mich angsterfüllt an den alten Herrn. Er klopfte mir beruhigend auf die Schulter. "Keine Angst, das ist nur der Baum." Als wir ein paar Meter weitergegangen waren sah ich ihn: einen stattlichen, knochenweißen Baum. Kein Blatt und kein Stück Rinde brachte einen Klecks Farbe in die bleichen Äste. Der tote Riese machte mir Angst. Widerwillig setzte ich mich neben meinem Großvater auf die gußeiserne Bank vor dem alten Haus, das nur wenige Meter von dem Baum entfernt langsam zerfiel. Großvater lächelte verständnisvoll. "Der Baum tut dir nichts. Er mochte Kinder gerne, weißt du?" Ich verstand nicht, was er meinte. Ein Baum, der Kinder mag? Da erzählte mir der alte Mann die Geschichte des Apfelbaumes.
Vor vielen Jahren hatte ein jungvermähltes Paar sich hier ein Haus gebaut. Und an dem Tag, als das Haus fertiggestellt war und das Paar einzog, hatte der Mann ein kleines Apfelbäumchen gepflanzt. Er hatte seine Frau geholt, ihr den Schößling gezeigt und gesagt: "Dieser Baum soll unsere Familie symbolisieren. So wie er wächst und stärker wird, so soll unsere Liebe immer stärker werden, jedem Sturm trotzen und reichlich Früchte tragen." Leider war es mit den Früchten, was das junge Paar betraf, nicht so weit her. Jahrelang blieben sie kinderlos, doch endlich wurde die Frau schwanger. Im Frühherbst, als ihnen ihr Sohn geboren wurde, da trug der Apfelbaum vor dem Haus, obschon er selbst noch jung und nicht besonders hoch war, ungewöhnlich große und saftige Früchte, so als freue er sich mit den Eltern über das glückliche Ereignis.
Das Kind lag oft in seinem Korb unter dem Baum, der es fürsorglich mit seiner Krone vor den heißen Strahlen der Sonne schützte und ihm, als es älter wurde, seine saftigen Äpfel schenkte. Gerade die Früchte, an die der Kleine heranlangen konnte, waren besonders rot und süß, als ob dem Kind nur das beste Obst gehören solle. Der Knabe liebte den Baum und war nicht erstaunt, als ihm sein Vater erzählte, wie er den Schößling damals gepflanzt und was er darüber gesagt hatte. Der Baum gehörte eben einfach zur Familie.
Der Junge wuchs zu einem stattlichen jungen Mann heran, und genauso stattlich wurde der Apfelbaum neben seinem Elternhaus. Der Junge kletterte auf seinen Ästen herum, versteckte sich in seinem dichten Laub und genoß seine köstlichen Früchte. Er lag stundenlang in seinem Schatten und träumte von der Zukunft. Und irgendwann saß er dann auch mit seinem Mädchen auf der Lichtung, unter seinem Baum. Und am Tage der Hochzeit, da erzählte er ihr von der Bedeutung des Apfelbaumes. Wie schon sein Vater vor ihm machte er den Apfelbaum zum Zeichen seiner Liebe und der Stärke seiner Familie.
Kaum ein Jahr nach der Hochzeit wurde auch ihm ein Sohn geboren. Doch die Freude über dieses Ereignis war nicht ungetrübt. Die Geburt verlief nicht ohne Probleme und die Mutter des Jungen erkrankte schwer. Sie erholte sich nie wieder so ganz und starb, als ihr Sohn gerade acht war. Während all der Jahre ihrer Krankheit hatte der Baum ihr seine guten Äpfel geschenkt, doch in dem Jahr, als sie starb, da waren nur wenige, kaum genießbare Früchte zu ernten. Das Kind dagegen wuchs wie sein Vater mit dem Baum heran. Es baute sich mit seinem Freund sogar ein Baumhaus in seinen starken, nun schon weit ausladenden Ästen. Je mehr sich die Kinder in dem Baumhaus aufhielten, desto kräftiger wurde der Baum wieder. Jedes Jahr waren mehr Früchte zu ernten, und die reichen Ernten waren schon über das Tal hinaus berühmt.
Als Siebzehnjähriger kletterte der Junge im Herbst ein letztes Mal hinauf, um die Reste seines alten Baumhauses zu entfernen. Sein bester Freund, mit dem er viele Jahre dort oben gespielt und geträumt hatte, half ihm dabei. Sie rissen die Bretter auseinander und warfen sie hinab. Als nur noch ein paar Stücke übrig waren kletterte der Freund hinab, um den Müll schon einmal wegzuräumen. Er packte einen Stapel Bretter und trug ihn zur Werkstatt hinter dem Haus. Sie wollten das Holz zersägen und sich ein Feuerchen daraus machen. Gerade in dem Moment, als er wieder hinter dem Haus hervorkam, hörte er den Schrei. Er sah den Körper seines Freundes am Fuße des Baumes liegen. Auch dessen Vater hatte den Schrei gehört und kam aus dem Haus gestürzt. Er lief zum Baum und fand seinen Sohn - tot, noch den Ast in der Hand, an dem er sich hatte festhalten wollen.
Es waren nicht viele Menschen auf der Beerdigung des Jungen. Seine Großeltern, sein Vater und sein bester Freund. Ein paar Leute hatten Blumen mitgebracht, und seine Familie trug einen großen Korb Äpfel zum Grab. Es waren die schönsten Äpfel, die der Baum am Tag seines Todes getragen hatte. Nach der Zeremonie wurden sie ihm ins Grab geworfen, bevor der Totengräber es zuschaufelte. Diese Äpfel waren die letzten, die der Baum je getragen hat. In allen Jahren danach waren kaum Blüten zu sehen, und auf Früchte wartete man vergebens. Dann, in einem scheußlichen Winter, starb der Großvater an einer Lungenentzündung, und seine Frau folgte ihm im Sommer. Nur einer war noch übrig von der Familie, und er war genauso schwach wie der Baum. Sie beide siechten einige Zeit vor sich hin, niemand konnte sagen, wer nun schlechter aussah, denn beide hatten ihre Familie verloren. Der Freund des gestürzten Jungen besuchte dessen Vater ab und zu, und oft fand er ihn im spärlichen Schatten der lichten Baumkrone sitzen und auf den Fleck starren, an dem sein Sohn zu Tode gestürzt war. Und eines Tages im Herbst, am Todestag des Jungen, fand der Freund den Vater an einem Ast des Baumes erhängt.
"An diesem Tag lagen alle Blätter am Boden." Mein Großvater stand auf und trat an den bleichen Stamm des toten Baumes. "Obwohl der Mann erst wenige Stunden tot war, als ich ihn fand, hatte der Baum in dieser Zeit all seine Blätter abgeworfen. Seither hat der Baum nie wieder eine Knospe getrieben. Ich bin zu Anfang oft hergekommen, um an meinen Freund und seine Familie zu denken und für sie zu beten. Ich habe nie wieder etwas Grün an dem Baum entdeckt. Mit der Zeit hat die Witterung ihm die Rinde abgerissen und die Sonne sein Holz gebleicht. Tja, und so steht er jetzt da." Mein Großvater schlang die Arme um den toten Stamm und legte seine Wange an das Holz. "An dem Tag, als der letzte aus der Familie meines Freundes starb, starb auch der Baum."
Auf unserem Friedhof gibt es ein Holzkreuz, das anscheinend zu keinem Grab gehört. Es steht unter einem großen Apfelbaum.

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