Die Schlüssel

Schon wieder verdunkelte eine tiefschwarze, bedrohliche Wolke die ohnehin schon blasse Mondsichel. Je finsterer es wurde, desto tiefer sank ihr das Herz in die Hose. Ihr Schritt wurde noch ein wenig schneller. Bloß schnell nach Hause!

Warum mußte auch ausgerechnet heute ihr Auto streiken? Ihr Mann war auf Fortbildung, der konnte sie also nicht fahren, und all ihre Freundinnen waren mit S- oder U-Bahn zum Stammtisch gekommen. Sie war so weit wie möglich mit dem Bus gefahren, doch es war noch gut ein Kilometer bis zu ihrer Wohnung. Luftlinie. Gerade durch den Stadtpark. Herrgott, warum hatte sie kein Taxi genommen? Die paar Mark hätten auch nicht wehgetan. Warum hatte sie... Blöde Frage! Jetzt war es zu spät, darüber nachzudenken. Sie hatte eben nicht.

Es war kühl. Sie zog fröstelnd die Jacke fester um sich. Die Steinchen auf dem Weg knirschten unter ihren Schuhen. Der Weg erschien nur schemenhaft grau zwischen den pechschwarzen Sträuchern.

Da knirschte doch noch was? Sie blieb kurz stehen und lauschte. Schritte! Es waren eindeutig Schritte. Ihr Herz schlug wie eine Pauke. Das Blut rauschte in ihren Ohren. Schnell ging sie weiter. Nur nicht rennen, dachte sie bei sich. Hoch aufgerichtet, zügig und zielstrebig, aber nicht hastig gehen. Selbstsicher wirken. So hatte sie es in einem Faltblatt über die Vermeidung von Überfällen gelesen. Je selbstsicherer du wirkst, desto eher lassen sie dich in Ruhe.

Selbstsicher. Pah! Wie denn, in stockfinsterer Nacht, mutterseelenallein im Park und ständig die Schritte des Verfolgers im Ohr?

Jetzt kam auch noch Nebel auf. Die feuchtkalte Novemberluft brachte ihre Nase zum Laufen. Sie zog ihr Taschentuch aus der Jackentasche und schneuzte. Das kleine Lederetui, das dabei auf den Weg fiel, bemerkte sie nicht.

Die Schritte kamen immer näher. An einer Wegbiegung sah sie kurz zurück. Sie erkannte deutlich eine große, kräftige Gestalt mit heller Jacke. Oje! Wenn der es auf sie abgesehen hatte! Gegen diesen Brocken würde sie sich nie wehren können.

Endlich! Die ersten Straßenlaternen. Gott sei Dank, sie hatte den Park verlassen. Das Licht war kalt und abweisend, aber es war Licht.

Zwanzig Meter noch bis zur Haustüre. Seit sie auf der Straße war hatte sie keine fremden Schritte mehr gehört. Sie griff in die Tasche. Die Schlüssel! Wo waren die Schlüssel? Sie sah sich um. Da, im Schatten einer Litfaßsäule, war die helle Jacke. Er war ihr doch gefolgt.

Ganz ruhig bleiben! Du hast noch mehr Taschen. Linke Seite? Nein. Die Handtasche! Sie kramte im Gehen in ihrer kleinen Handtasche. Nichts!

Die Haustüre. Zum zweiten Mal durchsuchte sie ihre Taschen. Der Schlüssel blieb verschwunden. Aber sie hatte ihn doch eingesteckt! Ein hastiger Blick zurück jagte ihr einen Stich ins Herz. Der Kerl in der hellen Jacke kam immer näher, versuchte noch nicht mal, sich zu verstecken.

Sie rüttelte an der Türe. Verschlossen - natürlich! Verdammte Schlüssel, wo seid ihr? Sturmklingeln im ersten Stock. Verdammt, die waren im Urlaub. Eisige Furcht umklammerte ihr Herz immer unerbittlicher. Im zweiten Stock wohnte zur Zeit niemand. Das Haus war vollkommen leer. Trotzdem hämmerte sie mit den Fäusten gegen die Türe. Dumpf hallten die Schläge im Hausflur wider. Jetzt hörte sie das leise Quietschen von Gummisohlen. Ein Schatten fiel auf die Wand neben ihr, schwarz und mächtig.

Sie hörte auf zu hämmern. Atemlos vor Angst wandte sie sich ihrem Schicksal zu. Die Gestalt stand nur einen Meter von ihr entfernt. Sie hielt etwas in der Hand. Es blitzte metallisch, böse!

"Damit geht's leichter." Die große, rundliche Nachbarin von gegenüber hielt ihr freundlich lächelnd ihren Schlüsselbund vor die Nase. "Rennen sie eigentlich immer so?"

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© Sascha Raubal, 1.9.1996